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Wörtermeer – Ein Workshop der Klasse 9b4 mit Arne Rautenberg

Schneeflocke
Zunge

Dies ist nicht gerade das, was wir uns typischerweise unter einem Gedicht vorstellen. Wenn wir an große Dichter und ihre Lyrik denken, fallen uns wahrscheinlich Goethe und Schiller ein und deren häufig seitenlange gereimte Verse. Und typischerweise interessieren sich Jugendliche kaum für diese Art von Gedichten.

So war auch unsere Klasse etwas skeptisch und fragte sich, was wir wohl zu erwarten hätten, als unsere Deutschlehrerin, Frau Blatt, einen Workshop mit dem zeitgenössischen Dichter Arne Rautenberg organisiert hatte, um ihn und seine – für unsere Ohren neuartige – Poesie kennenzulernen. Ermöglicht wurde die Veranstaltung vom Frankfurter Literaturhaus. Sie fand am 18. Mai online statt.

Arne Rautenberg, geboren 1967 in Kiel, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller und Künstler in seiner Geburtsstadt. Er schreibt Gedichte, Essays, Kurzgeschichten, Romane und Feuilletonbeiträge für verschiedene Zeitungen. Sein literarisches Hauptbeschäftigungsfeld ist die Lyrik und er hat sowohl Kinder- als auch Erwachsenengedichte sowie visuelle Poesie geschaffen. Er veröffentlichte bereits zahlreiche Gedichtbände; aktuell arbeitet er an einem mit dem Titel „Fünfzehn Kilo Kolibri“, der demnächst erscheinen wird.

Als Erstes erzählte uns Arne Rautenberg sehr spannend und kurzweilig von seinem Leben und Wirken – immer wieder gespickt von eigenen Werken: Wort-, Erzähl- und Kindergedichten. „Als Dichter hat man nie Feierabend“, meinte er. Sein Tag beginnt um 6:30 Uhr. Vormittags erledigt er Verwaltungsarbeit, dazu gehören zum Beispiel Gespräche mit Verlagen. Den Nachmittag verbringt er als „normaler Familienvater“, er spielt mit seinen Kindern und ruht sich aus, denn die Hauptarbeit, das Schreiben, beginnt erst abends, ungefähr um 23:00 Uhr. Zu dieser Tageszeit sei er vollkommen ungestört und könne sich ganz und gar seinen Gedichten widmen. Er arbeitet ungefähr drei Stunden lang; aber auch spätere Gedankenblitze werden verfolgt und sofort in seinem schwarzen Notizbuch festgehalten.

Der eine oder andere mag ein sehr altmodisches Bild von Dichtern haben, die ihre Ideen mit Feder und Tinte auf dickes Pergament kritzeln. Arne Rautenberg aber geht wie die meisten Autoren mit der Zeit, er schreibt seine Gedichte ausschließlich elektronisch.

Weil Gedichte heutzutage eher unpopulär seien, sei es für den Künstler trotz zahlreicher Veröffentlichungen nicht möglich, von der Lyrik allein zu leben. Sein Haupteinkommen stamme vielmehr hauptsächlich aus Lesungen und auch Workshops. Dafür müsse er viel reisen. Rautenberg berichtet, allein 2019 habe er 150 Nächte in anderen Städten verbracht. Bad Homburg kennt Arne Rautenberg übrigens auch, denn er hat dort anlässlich von Besuchen der Frankfurter Buchmesse mehrfach übernachtet.

Nach diesem interessanten Einblick in den Alltag eines Autors haben wir uns dann unter Führung Rautenbergs selber an verschiedenen Gedichtformen versucht. Ich hatte erwartet, dass wir uns ein bisschen mit den bekanntesten Versformen beschäftigen und uns dann einige Reime ausdenken würden. Aber Arne Rautenberg gestaltete den Workshop deutlich interessanter: Zu Beginn bat uns der Dichter, uns in einen Gegenstand aus unserer Umgebung hineinzuversetzen und in drei Versen aufzuschreiben, was dieser sich wünschen könnte. Dabei kamen schon unerwartet kreative Ergebnisse zustande:

Ich als Lampe

wünsche mir,

mit meinem Licht die Dunkelheit zu besiegen. (Mia L.)

 

Ich als Spiegel

wünsche mir,

dass niemand traurig oder enttäuscht ist, nachdem er mich angeschaut hat. (Lily P.)

 

Zwischen den verschiedenen Aufträgen haben wir uns immer unsere Ideen und Ansätze vorgelesen, wurden von Arne Rautenberg motiviert und haben viele hilfreiche Tipps bekommen. Der Dichter freute sich über jeden Beitrag und las uns eigene Gedichte als Inspiration vor.

Nachdem wir die Gedichtrunde über Gegenstände abgeschlossen hatten, erklärte Rautenberg uns, was ein Haiku ist. Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die heute weltweit verbreitet ist. Das Haiku gilt als die kürzeste Gedichtform der Welt: sie besteht aus drei Versen, der erste besteht aus fünf Silben, der zweite aus sieben Silben und der dritte wieder aus fünf Silben. Auch hieran sollten wir uns selbst versuchen. Im ersten Moment dachten viele von uns, dass sie das gar nicht können, aber wieder kamen erstaunlich gute Resultate zu Tage:

 

Laute Menschen dort

Wollen sich unterhalten

Sie hören sich nicht. (Annika K.)

 

Ein Eis hätt ich gern,

doch die Angst vor den Wespen,

entmutigt mich sehr. (Lil-Jane D.)

 

Als wir uns unsere Haiku vorgelesen haben, ist uns aufgefallen, wie unterschiedlich die Wirkung der Gedichte war. Die einen waren lustig, andere nachdenklich und wieder andere beschrieben Beobachtungen aus dem Alltag und all dies verpackt in drei kurze Verse.

 Nach einer kurzen Pause lernten wir eine weitere Gedichtform kennen, das Zevenaar, von dem von uns vorher noch niemand gehört hatte. Es handelt sich bei dieser Gedichtform um einen Siebenzeiler (niederländisch zeven: „sieben“). Dabei wird im ersten Vers ein Ort eingeführt, in der zweiten Zeile das lyrische Ich und eine Handlung, in der dritten Zeile stellt es sich eine Frage oder ein Vergleich wird angestellt und in der vierten Zeile wird ein Detail beschrieben, das im fünften Vers noch näher fokussiert wird. In der sechsten und siebten Zeile wiederholen sich die ersten beiden Verse.

Auch hier kamen vielseitige und interessante Ergebnisse zustande:

 

In den Gassen von London

streife ich umher.

Wen ich wohl treffen werde?

Jede Person geht ihren eigenen Weg,

jede Person hat ihr eigenes Ziel.

In den Gassen von London

streife ich umher. (Lucia O.)

 

In der Schule

lerne ich.

Doch was wird es sein?

Ein Mann schießt eine Armbrust,

das Ziel ist ein Apfel.

In der Schule

lerne ich. (Patrick S.)

 

Für alle, die darauf gehofft hatten, Gedichte mit Reimen schreiben zu können, war der letzte Teil von besonderem Interesse. Wir sollten uns ein spannendes Tier überlegen und einigten uns in einer Abstimmung auf Chamäleon und Orca. Als nächsten Schritt haben wir uns gemeinsam Reimwörter für diese Tiere überlegt. Dabei kam eine ganze Menge zusammen, allerdings nicht unbedingt genug, um ein umfangreiches Gedicht zu schreiben. Aus diesem Grund hat uns Herr Rautenberg einige Hilfen vorgestellt: Dazu gehören ein Gedichtbuch mit allen Wörtern einer bestimmten Endung und die Internetseite „2rhyme“. Dann sollten wir kurze gereimte Gedichte zu „unseren“ Tieren verfassen. Hier ein kleiner Einblick in unsere Versuche:

 

Ich sitze auf einer Bank mit meinem Chamäleon,

es sieht einen Granatapfel am Baum und isst davon.

Ich lausche dem Musiker mit dem Akkordeon

und muss leider zurück ins Pentagon. (Paul S.)

 

Wo findet man es, das große Tier,

es ist mal dort, es ist mal hier.

Doch ich stehe ewig am Strand von Mallorca

Und hoffe noch auf einen Orca. (Annika K.)

 

In der abschließenden Feedback-Runde wurde schnell deutlich, dass die meisten Schülerinnen und Schüler unserer Klasse viel Spaß an den Workshop hatten und ihr Interesse an Gedichten und sogar am Schreiben geweckt worden war. Viele waren ja vor der Veranstaltung eher skeptisch und voreingenommen, dann aber insbesondere von den neuen Gedichtformen und Schreibmethoden sehr beeindruckt. „Mir hat vor allem gefallen, dass jeder auf seine Art aus sich herauskommen konnte und jedes Gedicht gut war auf seine eigene Art und Weise“, äußerte eine Schülerin. Ich persönlich war insbesondere davon überrascht, was für tolle Gedichte wir selbst in der Kürze der Zeit zu Papier gebracht haben. Die ganze Klasse hat sehr von dieser neuen Erfahrung profitiert und wir alle haben definitiv unseren literarischen Horizont erweitert.

 

Vielen Dank Arne Rautenberg und vielen Dank Frau Blatt!

Weitere Informationen zu Arne Rautenberg und künstlerische Produkte findet man auch auf seiner Website: https://arnerautenberg.de/Person

 

Annika Kaufmann, Mia Leiber