E-Phasen-Kurs im Gespräch mit Nachfahren von NS-Zeitzeugen

Zeitzeugengespräche mit Überlebenden des Holocaust zu führen, wird mit wachsendem zeitlichem Abstand zu den Ereignissen immer schwieriger. Umso wichtiger ist es, dass Menschen wie der in Kalifornien lebende Architekt und Creative Director Mark Lefitz von den Erlebnissen seiner Familie berichten, auch wenn er sie selbst nicht miterlebt hat. Ein Kurs des KFG hatte hierzu die Gelegenheit.

Der Deutschgrundkurs von Anne-Marie Holstein aus der Einführungsphase hatte am 11. März 2021 die Gelegenheit, per Videokonferenz mit Lefitz ins Gespräch zu kommen. Vermittelt, organisiert und moderiert wurde dieses indirekte Zeitzeugengespräch von Angelika Rieber von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Hochtaunus e.V.

Mark Lefitz berichtete detailliert und emotional von seiner Mutter Aviva Lefitz, geborene Hannelore Adler, die ihm erst im Erwachsenenalter nach einer Deutschlandreise 1982 von ihrer bewegenden Vergangenheit erzählte. Als deutsch-jüdisches Kind 1927 in Gießen geboren, litt ihre Familie stark unter den Verfolgungen der NS-Diktatur. Ihr Vater Albert Adler starb an einem Herzinfarkt, nachdem er am Gießener Bahnhof zusammengeschlagen wurde. Die Mutter Helene Adler zog daraufhin mit ihren beiden Töchtern nach Bad Homburg. Nach den Novemberpogromen 1938 meldete sie die elfjährige Hannelore für einen Kindertransport in die Schweiz an. Auf diesem Wege konnten 300 jüdische Kinder aus Frankfurt und Umgebung in das neutrale Nachbarland gerettet werden. Doch Helene und ihre zweite Tochter Margot schafften es aufgrund der Ausreisebeschränkungen nicht mehr, sich ins Ausland zu retten. Sie wurden mit einem Deportationszug am 10. Juni 1942 über Frankfurt in das Vernichtungslager Sobibor überführt und ermordet. Hannelore, die später ihren deutschen Namen bewusst abgelegt hatte, wanderte 1945 zunächst nach Israel aus, wenige Jahre später in die USA.

Die Schülerinnen und Schüler, welche sowohl aus dem Geschichtsunterricht ein breites Vorwissen mitbrachten als auch im Deutschunterricht „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink gelesen hatten, worin es um die Aufarbeitung der Geschichte einer KZ-Aufseherin geht, konnten anschließend Fragen zu Lefitz‘ Familiengeschichte und seiner eigenen Biografie stellen. Auf die Frage, ob er Deutschland gegenüber negative Gefühle verspüre, antwortete er, dass das Wissen über die Vernichtung so vieler Familienmitglieder natürlich eine große Wut in ihm auslöse. Doch gebe es ihm die große Hoffnung, dass ein solches Verbrechen nie wieder geschieht, wenn er sehe, wie Schülerinnen und Schüler in Deutschland sich intensiv mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte auseinandersetzen. Auch würde er gerne nach Deutschland reisen, um alle Stationen seiner Familiengeschichte zu sehen. Größere Probleme bereite ihm eher der Anstieg an Antisemitismus und „white supremacy“ in den USA, wie er sichtlich berührt erzählte. Auch aus diesem Grund sei es so wichtig, die Erinnerung an die NS-Verbrechen aufrecht zu erhalten und eine Wiederholung der Geschichte aktiv zu verhindern.

 

 

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