„Lesen ist wie Einatmen, Schreiben wie Ausatmen“ – Shortlist-Autor Necati Öziri liest am KFG

„Lesen ist wie Einatmen, Schreiben wie Ausatmen“ – Shortlist-Autor Necati Öziri liest am KFG

Am Dienstag, dem 10. Februar 2026, durfte das KFG einen besonderen literarischen Gast begrüßen: Necati Öziri las vor dem Jahrgang E aus seinem Roman „Vatermal“, der 2023 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand.

Necati Öziri, 1988 im Ruhrgebiet geboren, studierte Philosophie, Germanistik und Neue Deutsche Literatur in Bochum, Istanbul und Berlin. Er arbeitete unter anderem als Dramaturg am Maxim-Gorki-Theater, am Nationaltheater in Mannheim und am Schauspielhaus Zürich. Seine Texte – Theaterstücke, Essays und Prosa – wurden vielfach ausgezeichnet. Mit „Vatermal“ veröffentlichte er 2023 seinen ersten Roman, der unmittelbar große Aufmerksamkeit erhielt und aus dem Öziri für die Lesung zwei zentrale Kapitel auswählte:

In der ersten Textstelle begegnen wir Arda am Bahnhof. Die Szene auf dem Bahnhofsvorplatz – der Umgang mit „den Russen“, die Konfrontation mit der Polizei – führt eindrücklich vor Augen, wie schnell Vorurteile und Zuschreibungen wirken. In einem beinahe klischeehaft anmutenden öffentlichen Raum wird sichtbar, wie Identität von außen festgelegt wird und wie sehr gesellschaftliche Kontrolle das Selbstbild prägen kann.

Im zweiten gelesenen Abschnitt steht Ardas Schwester Aylin im Mittelpunkt. Aus Angst, der Vater könne erneut verschwinden, versteckt sie den Haustürschlüssel. Diese Handlung wird zum Symbol für Verlustangst, familiäre Bindung und verdeutlicht den Versuch, Nähe festzuhalten.

Im Gespräch mit dem Autor kristallisierten sich zentrale Fragen heraus: Was bedeutet Familie? Wie prägt Abwesenheit ein Leben? Und wer bin ich – jenseits der Blicke und Erwartungen anderer. Moderiert wurde die Lesung von Elisa Kogan und Filippa Paul aus dem Deutsch-Leistungskurs der E-Phase. Mit großer Souveränität führten sie durch das Gespräch und stellten differenzierte Fragen zu den Figuren, den Motiven und dem Schreibprozess.

Auch das Publikum beteiligte sich engagiert und interessierte sich besonders für Öziri­s Arbeitsweise. Er berichtete, dass er vor dem Schreiben zunächst selbst liest – etwa Werke von Christa Wolf oder Annie Ernaux –, um sprachlich „in Bewegung“ zu kommen. „Lesen ist wie Einatmen, Schreiben wie Ausatmen“, fasste er diesen kreativen Prozess zusammen. Zudem sprach er über seinen Aufenthalt in der Hölderlin-Wohnung in Bad Homburg, der ihm als konzentrierter Arbeitsort diente.

Die Offenheit des Autors und die Ernsthaftigkeit der Fragen machten die Lesung zu einer besonderen literarischen Begegnung. Die 90 Minuten vergingen für alle Beteiligten wie im Flug – getragen von konzentrierter Aufmerksamkeit, berührenden Textstellen und einem lebendigen Austausch.

Zum Abschluss bedankten sich die Organisatoren der Lesung, Herr Lembach und Frau Salus-Flohr, sehr herzlich bei der Kulturdezernentin der Stadt Bad Homburg, Frau Dr. Bettina Gentzcke, für die langjährige und vertrauensvolle Kooperation und für die Vermittlung dieser herausragenden Lesung, die für die Schülerinnen und Schüler kostenlos war.

Für das KFG war es eine besondere Ehre, Necati Öziri an der Schule begrüßen zu dürfen.

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